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Die Dienstags-Jedermänner des WTV

Die Dienstags-Jedermänner des WTV oder: Die alternden Fußballstars

Mein Freund Volker ist eigentlich ein netter und intelligenter Zeitgenosse, bis auf zwei Stunden in der Woche: Dienstags zwischen 18 und 20 Uhr herrscht bei ihm der Ausnahmezustand.
In dieser Zeit kickt Volker mit und gegen die Jedermänner, der alternden Startruppe des WTV aus Würselen. Sommer wie Winter, immer in der Halle. Volker ist Hobbyfußballer mit Leib und Seele. Mehr Hobby als Fußballer, denn seine Leidenschaft steht in keinem Verhältnis zu seiner körperlichen Fitness. Und das schafft Probleme. Es beginnt mit seinem Alemannia-Trikot, das er jeden Dienstag frisch gewaschen und gebügelt in seine Sporttasche packt. Wenn er es abends in der Umkleidekabine rituell entfaltet, spannt es trotz Größe XXL mächtig. Dafür wirkt der Po in der glitzernden Sporthose irgendwie verloren und die Stutzen verdecken nur zum Teil die weißen Bürobeine. Da alle seine Fußballkollegen so oder ähnlich aussehen, fällt es weiter nicht auf.
Motiviert sind sie alle, so sehr, dass für Warmlaufen, Dehnen und andere Formen der Verletzungsvorbeugung keine Zeit bleibt. Die U55-Auswahl holt sofort die Bälle aus dem Schrank und nach knapp fünf Minuten heißt es: “Wählen“.

Fünf gegen Fünf auf Handballtore. Da jeder Tore schießen und keiner sie verhindern will, heißt der faule Kompromiss - der letzte Mann darf den Ball in die Hand nehmen. Hinterm Tor geht es weiter, die Wände werden als Bande benutzt. Aus ist nur, wenn der Ball an die Decke geht. Das macht das Spiel schnell, überschätzt jedoch die Kondition unserer Bluthochdruck-Kicker. Mit jeder Minute werden die Köpfe röter und das Schnaufen lauter. Ruht der Ball, wird diskutiert. Foul oder nicht Foul, Tor oder nicht Tor, wobei die Phantasie der Regelauslegung keine Grenzen kennt.

Die zehn kleinen Kickerlein reduzieren sich ganz oder zeitweise durch Verletzung oder Erschöpfung. Der eine ist umgeknickt, der zweite hat zwar ein 35.000 € Auto vor der Halle, aber kein Geld für neue Sportschuhe und stolpert regelmäßig über die sich auflösende Sohle. Ein Dritter kriegt irgendwie keine Luft mehr und ein Vierter setzt beleidigt aus, weil er angeblich zu wenig angespielt wird. So kicken sie oft nur drei gegen drei, was das Tempo bremst, aber die Trefferzahl erhöht.

Beim Stand von 9:8 für Volkers Terzett füllen sich langsam wieder die Teams, denn die ersten jungen Volleyballerinnen, die anschließend trainieren, betreten die Halle. Das löst bei den Herren in der Midlife-Crisis doch noch einen Motivationsschub aus. Plötzlich gibt jeder noch mal alles, dafür aber noch seltener ab, Volkers Truppe verliert am Ende noch mit 10:12-Toren, was meinem Freund Volker zu unaufgeforderten Erklärungen in der Kabine veranlasst, die er erst unterbricht, als er sieht, dass er vom Kasten Bier, der traditionsgemäß vor, während und nach dem Duschen geleert wird, nichts mehr abzubekommen scheint.

Volker muss den Frust runterspülen, denn Volker hat nicht nur verloren. Gemäß dem Motto: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ hat Volker ein dickes Problem. Nächsten Dienstag ist sein Hochzeitstag. Und wenn er dann nicht kommt, müssen seine Kumpel möglicherweise vier gegen fünf oder mit Auswechseln spielen. Eine Katastrophe. Er wird seiner Frau Ulrike das irgendwie klar machen müssen.


Leicht geänderte Glosse „Hobbyfußballer“ von Ronald Feisel, WDR-Studio Dortmund, 14.11.1998